geschrieben von Lioba Lepping

Alles auf Anfang
Mangelnde Wertschätzung ist das Hauptproblem vieler Angestellter. Doch es gibt Alternativen zum Büroalltag. Eine Geschichte über Neuanfänge

Alles auf Anfang von Lioba Lepping

Nico Rosberg hat aufgehört. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nach dem Weltmeistertitel hat er seinen Mercedes für immer in der Boxengasse geparkt. Rosberg will mehr Zeit für die Familie, nicht mehr um die Welt jetten von einem Land und einer Betonstrecke zur nächsten und seiner Tochter nur per Skype beim Laufen lernen zusehen.

Rosberg ist damit ein gutes Beispiel für seine Generation. „Seit den Nullerjahren beobachten Personalverantwortliche, dass Berufseinsteiger genaue Vorstellungen haben von ihrer Work-Life-Balance“, weiß die selbstständige Personalberaterin Kirsten Rückert. Während früher ein Dienstwagen oder Bonuszahlungen lukrativ waren für Uni-Absolventen, zögen diese Trümpfe in Einstellungsgesprächen heute oft gar nicht mehr. Stattdessen fragten die Jobstarter nach flexiblen Arbeitszeiten und den Möglichkeiten eines Home-Office, schon im Hinblick auf die Familienplanung.

Es ist nicht zu früh, es ist nicht zu spät. Ein guter Plan ist mehr als eine Idee. Werf’ nicht mehr alles in einen Topf. Veränderung braucht ein' klaren Kopf. Textstelle aus Cluesos Song „Neuanfang“

Rosbergs Entscheidung mit 31 Jahren, nach Erfüllung der Mission Formel-I-Weltmeister, aufzuhören erntet neben Respekt aber auch Kopfschütteln. Wie kann er das, was er am besten kann, freiwillig an den Nagel hängen? Er könnte doch noch jahrelang im Kreis fahren und sich mit seinen Konkurrenten um die Pole Position prügeln.  Will er aber nicht. „Erfolg schützt nicht vor Unzufriedenheit“, sagt Horst Conen, der seit Jahren Führungskräfte coacht. Er nennt es Viren-Check, wenn er mit seinen Klienten, denen ihr Job mehr Frust als Lust bereitet,  eine erste Standortbestimmung durchführt. „Es geht darum, sich  zu fragen, ob ich da, wo ich bin  –  in meinem Job an dieser Stelle im Unternehmen – noch richtig bin.“ Ein Job, der vor einiger Zeit noch der Traumjob war, kann einige Jahre später nicht mehr passen. Weil der Chef gewechselt hat, weil man eine Familie gegründet, weil sich die innere Einstellung geändert hat, die Gründe können vielfältig sein. Tatsache ist, dass Menschen keine Monolithen sind, sondern sich verändern.

Auch Rückerts Klienten suchen oft nach neuen Ufern, nicht weil sie keinen Erfolg hätten, sondern weil ihre aktuelle Aufgabe ihnen keinen Spaß mehr macht. Oft seien es Frauen und Männer zwischen 45 und 55 Jahren, routiniert im Job, aber irgendwie unzufrieden. Ihnen geht es meist nicht um höheren Status oder mehr Geld, sondern um Begeisterung für die Sache. „Tatsächlich verbringen wir sehr viel Lebenszeit mit unserem Beruf, zu viel, um sich dauerhaft mit einer Aufgabe zu begnügen, die einen  nicht ausfüllt oder sogar unglücklich macht. Da kann das materielle Auskommen noch so gut sein.“

Durch gezieltes Fragen versucht Rückert dann herauszufinden, was es genau ist, was das Arbeitsleben des Klienten wieder mit Sinn erfüllen könnte. „Wenn ich das richtige Thema anspreche, sehe ich, wie die Augen desjenigen auf einmal aufleuchten. Das ist sehr spannend und berührend, wenn man das erlebt. Deshalb hat es mich auch gereizt, eine solche Veranstaltung gemeinsam mit Horst Conen einmal einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.“

Köpfe für Unternehmen

Zu 70 Prozent wird Rückert von Unternehmen auf die Personalsuche geschickt. Headhunter nennt man ihre Zunft im Branchen-Sprech. Rückert sucht Köpfe für Unternehmen, die freie Positionen, meist im Führungssegment zu besetzen haben. Zu etwa 30 Prozent wird sie für höhere Angestellte aktiv, die nach einer neuen Aufgabe suchen und sie privat beauftragen.

„Ich habe immer auch die Unternehmensbrille auf und kenne die Anforderungen. Jemand aus dem Bankbereich kann man nicht so ohne weiteres in eine produzierende Branche verpflanzen, dafür hätte er aber vermutlich im Dienstleistungssektor gute Chancen.“ Liegt Veränderung denn grundsätzlich im Trend, wenn es um heutige Erwerbsbiografien geht?

Ja und nein, findet Rückert. 40 Jahre am selben Schreibtisch, das gebe es kaum noch, dennoch schätzen Unternehmen loyale und zufriedene Mitarbeiter, die auch für Kontinuität in den Geschäftsbeziehungen sorgten. Im Vertrieb etwa sei es wichtig, dass sich Kunden nicht laufend auf neue Verhandlungspartner einstellen müssten. Garant für Kontinuität ist unter anderem auch ein gutes Unternehmensklima. Doch daran scheitert es oft.

Laut Gallup-Studie zur Arbeitszufriedenheit aus dem Jahr 2015 haben 15 Prozent der Arbeitnehmer innerlich gekündigt. Genauso groß ist der Anteil derjenigen, die für die Unternehmensziele brennen und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Der große Mittelteil – immerhin 70 Prozent – macht Dienst nach Vorschrift.

Wegen Chef gekündigt

Tatsächlich ist der Anteil der innerlich Gekündigten im Vergleich zu den Jahren zuvor von einem Höchstwert im Jahr 2012 von 23 Prozent gesunken. Dennoch scheinen erstaunlich viele Menschen ihren Job als nicht besonders ausfüllend zu erleben. Schuld daran sind  oft die Führungskräfte. Ein Viertel der befragten Arbeitnehmer habe sogar schon mal wegen einem Chef gekündigt. Das Hauptproblem: Mangelnde Wertschätzung. Viele Mitarbeiter haben das Gefühl, nie gelobt zu werden, oder zumindest eine Rückmeldung zu bekommen. Mit der Folge: „Sie geraten in eine Sinnkrise oder strampeln sich noch mehr ab, um gesehen zu werden, und landen schließlich in einem Teufelskreis“, weiß Coach Horst Conen.  Doch auch die Führungskräfte stecken im Dilemma. Sie selber sind einem hohen Druck ausgesetzt, bekommen auch nur bedingt Rückmeldungen und werden in Sachen Mitarbeiterführung oft alleingelassen. Kein Wunder, dass sie aufgrund der immensen Komplexität ihres Jobs zuweilen Druck weitergeben, wenn sie selbst nur Druck spüren.

Doch auch ein durchweg guter Chef und eine wertschätzende Unternehmenskultur können manchmal ein Gefühl des Fehl-am-Platz-Seins nicht übertünchen. Und dann? Dem Gefühl nachgeben? Ein Sabbatjahr nehmen? Wie Nico Rosberg kündigen und schauen, was das Leben noch so bereithält? Mut gehört in jedem Fall dazu. Professionelle Hilfe oder ein Seminar zum Thema Neustart im Job können das Wagnis minimieren, Weichen stellen, Ressourcen erschließen.

Meist ist es ein langer Prozess, an dessen Ende  die Entscheidung zur Veränderung  steht. So war es bei Selmin Ermis-Krohs, die eine Fortbildung nach der anderen machte und am Ende nicht mehr wusste, wofür sie sich so aufrieb. Ähnlich erging es Mario Binder, der vom Betriebs- auf Restaurantwirt umsattelte. Ein Neuanfang kann befreien. Alte Muster aufbrechen, Nervensägen, wie Kollegen oder Vorgesetzte, hinter sich lassen. Einen richtigen Zeitpunkt gibt es nicht, Hauptsache man verpasst ihn nicht.   So erzählt es auch der Sänger Clueso in seinem Song Neuanfang.

Blog statt Büro Selmin Ermis-Krohs arbeitete seit sie 18 war ununterbrochen. Bis sie ihren BWL-Job an den Nagel hängte, um zu nähen.

Selmin Ermis-Krohs ist eine zielstrebige Frau. Geboren 1980 in Berlin, als Tochter türkischer Eltern, ging sie ihren Weg: Abitur, Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin, Wechsel nach Köln, Partnersekretärin in einer internationalen renommierten Anwaltskanzlei, Vorstandsassistentin bei einem Software-Unternehmen, später dort Referentin im Vertrieb. In Köln, wo sie seit 15 Jahren lebt, studierte sie neben dem Vollzeit-Job vier Jahre im Abendstudium BWL, dann  noch zweieinhalb Jahre International Business. „Ich steckte mir ein Ziel nach dem anderen, doch als ich Mitte 2012 endlich alle Zeugnisse in der Tasche hatte, merkte ich, dass irgendwas fehlte.“ Auf der Strecke zu immer mehr Qualifikation und immer besseren Jobs war ihr etwas abhanden gekommen: Der Spaß an der Arbeit und das Gefühl der Sinnhaftigkeit. „Auf einmal interessierte mich das alles nicht mehr, Vertriebskampagnen für Software-Lösungen konnten mich nicht mehr begeistern. Ich regte mich über Kleinigkeiten auf, ein falsches Wort in einer E-Mail konnte mich aus dem Gleichgewicht bringen.“

Ein anderer Job ist nicht die Lösung

Abends hatte Ermis-Krohs nun Zeit, sie musste ja nicht mehr zur Abend-Uni. Bei Amazon kaufte sie sich eine Nähmaschine und fing an zu nähen. „Mein erstes Werk war eine Baby-Puppe für eine Freundin, die gerade ein Kind bekommen hatte.“ Anhand von Anleitungen im Internet brachte sie sich die Fertigkeiten und Fähigkeiten bei, die sie brauchte. Wie bei all ihren vorherigen akademischen Anstrengungen ging sie auch hier mit einem hohen Anspruch an sich selbst zu Werke. Und entdeckte bald eine neue Welt. „Beim Nähen erlebte ich ein nicht gekanntes Glücksgefühl, ich kann dabei komplett abschalten und am Ende habe ich etwas in der Hand, was ich selbst gemacht habe – einfach perfekt.“

Tagsüber ging sie weiterhin  ins Büro. „Ich hatte jetzt so viel studiert, hatte meine Selbstoptimierung so weit getrieben, das konnte ich doch jetzt nicht alles wegwerfen“, beschreibt sie im Rückblick ihre gemischte Gefühlslage. Dann, im August 2013 traf sie sich dreimal mit einem Coach, um Alternativen auszuloten.
Bald darauf begann sie, sich auf andere Stellen zu bewerben. „Ich wurde auch öfters zu Interviews eingeladen, spürte aber immer mehr, dass der andere Job eigentlich gar nicht das ist, was ich wollte. Nur ein anderes Büro und andere Aufgaben würden meine Situation nicht wirklich verbessern.“   Nach weiteren Monaten kristallisierte sich allmählich ein dritter Weg heraus: Die Kündigung. „Mein Freund warnte mich zwar davor, einen solchen Bruch im Lebenslauf zu riskieren, aber ich wollte mich einfach ganz dem widmen, was mir Freude bereitet.“ Natürlich quälte sie vor allem die Frage: Wie komme ich finanziell klar? „Ich hatte seitdem ich 18 war ununterbrochen gearbeitet, nebenbei studiert und mir Geld zusammengespart, aber ganz ohne die Unterstützung meines jetzigen Mannes würde es nicht gehen, das war mir klar, aber auch schwierig, mich darauf einzulassen. Meine finanzielle Unabhängigkeit war mir immer sehr wichtig.“
Blogger-Workshops und  Gleichgesinnte

Ich hatte meine Selbstoptimierung so weit getrieben. Das konnte ich doch jetzt nicht alles wegwerfen. Selmin Ermis-Krohs

Schließlich sprang sie über ihren Schatten und drückte ihrem Chef im Oktober 2014 die Kündigung in die Hand.  Seitdem widmet sie sich voll und ganz ihrem Herzensprojekt: Tweed & Greet heißt ihr Nähblog, auf dem sie Schnittmuster ausprobiert und vorstellt. In ihrer Wohnung hat sie sich ein Arbeitszimmer eingerichtet: Ein Zuschneidetisch, eine Schneiderpuppe, Schnittmuster und Accessoires an den Wänden, eine Chaise Longue in der Ecke: „Mein Zimmer und ich kommen gut klar“, sagt Ermis-Krohs, die auf der anderen Seite eins dennoch vermisst: „Mir fehlt ein Team.“

Mangelnde Selbstmotivation ist aber nicht ihr Problem, den Input von anderen sucht sie inzwischen aktiv und genauso zielstrebig, wie sie ihre vorherige Karriere angegangen war: Sie meldete sich für ein Fashion-Seminar in London an, absolvierte Blogger-Workshops, sucht die Nähe von Gleichgesinnten. „Oft arbeite ich nicht von zu Hause sondern in einem Gemeinschaftsbüro in der Südstadt“. In sogenannten Co-Working-Spaces treffen sich Selbstständige, häufig Internet-Unternehmer oder Blogger wie sie, die sich miteinander austauschen, Kontakte knüpfen oder zusammen die Pausen verbringen.

2016 war bisher ihr kreativstes Jahr: „Ich habe 34 Kleidungsstücke genäht.“ Aber sie will nicht nur nähen, das Vorgehen und die Ergebnisse fotografieren und auf ihren Blog stellen. „Ich möchte Menschen mit der gleichen Leidenschaft zusammenbringen. Mein Blog ist ein Sammelsurium für Nähbegeisterte.“ Deshalb hat sie auch schon ein Näh-Wochenende in Berlin organisiert – und dort mit anderen Nähbegeisterten drauflosgenäht. Die Zahl ihrer Follower, also derjenigen, die regelmäßig ihre Webseite ansehen,  hat sich vergangenes Jahr  vervierfacht, freiberufliche Designaufträge sind ins Haus geflattert. Ziele für 2017?  Noch mehr Leute fürs Nähen begeistern. Etwas selbst herzustellen kann so viel befriedigender sein, als ein Rädchen im Getriebe eines Unternehmens zu sein. Doch das herauszufinden, war ein langer Weg. Und den Schritt zu gehen, erforderte nicht zuletzt den Mut, sich von alten „Schnittmustern“ im Kopf zu verabschieden.

Vom Berater zum Burgberater Statt ständig Projekte für andere zu managen, verwirklichte Mario Binder endlich seine eigenen

Noch vor fünf Jahren sprach eigentlich nichts dafür, dass die Karriere von Mario Binder einmal in die selbstgewählte Selbständigkeit, noch dazu einer im Gastronomie-Gewerbe, münden würde. Es lief doch alles prima. Zumindest von außen betrachtet: Nach einem BWL-Studium in Bamberg und Birmingham, das er mit der Promotion abschloss, stieg er erstmal in die Fußstapfen des Vaters, der in der Automobil-Industrie gearbeitet hatte.  Binder stammt aus Ingolstadt, der Vater war bei Audi. Binder wählte die Automobilberatungs-Branche, managte Projekte für Automobilkonzerne wie VW und Volvo. Von Berlin aus jettete er um die Welt, baute Werke in Ungarn,  China oder Schweden auf. „Ich war praktisch nie zu Hause“, erinnert sich der 37-Jährige, der als Vater zunehmend darunter litt, wenig am Familienleben teilnehmen zu können.

Der Sandkastenfreund als Geschäftspartner

Auch der Wechsel zu einem Kölner Motorenbauer brachte keine Besserung. Hinzu kam, dass der Arbeitgeber in puncto modernes Arbeitszeit-Management eher konservativ eingestellt war. „Von Home-Office hatten die da noch nie gehört.“ Seine Bereitschaft,  auszusteigen, wuchs schleichend.

Doch ohne einen Verbündeten wäre es vielleicht nie so weit gekommen: Binders Sandkastenfreund Ulrich Glemnitz ist sein Partner im zweiten Berufsleben. „Wir haben auch zusammen studiert und später Kontakt gehalten.“ Glemnitz war schon in Köln, als Binder vor fünf Jahren herzog, wodurch  auch die räumliche Nähe der alten Freunde wieder hergestellt war. Man sah sich  öfter, tauschte sich aus, auch über Berufliches. Bald wurde klar, dass beide einen ähnlich toten Punkt in ihrer Erwerbsbiografie erreicht hatten: Glemnitz steckte mit seinem Internet-Unternehmen in einer Sackgasse, Binder mit seinem Auto-Job. „Wir wollten beide raus“, erinnert sich Binder. Doch was tun? Sie kombinierten schließlich drei Trends, die Anfang  2010 in den Großstädten der Republik Fahrt aufnahmen: Vegane Ernährung, Burger und Foodtrucks.

In Berlin erstanden sie einen Oldtimer-Truck, den sie selbst ausbauten zu einem fahrenden Imbiss, einem Foodtruck. „Die Investition war überschaubar, wir brauchten erstmal auch keine Angestellten“, sagt Binder über den Anfang. Im Jahr 2014 meldeten sie schließlich ihr Gewerbe an, Binder kündigte endgültig seinen Job und tauschte den Schreibtisch gegen die Foodtruck-Küche. „Wir stellten uns in der Mittagspause an Orten auf, an denen Büroangestellte vorbeikamen, um unsere Burger zu essen. Außerdem waren wir auf Festivals und Märkten.“

Die Investition war überschaubar, wir brauchten erstmal keine Angestellten. Mit dem Foodtruck stellten wir uns an Orten auf, wo Büroangestellte vorbeikamen. Mario Binder

Seitdem servieren sie den Bob-Marley-Karibik-Burger, den König-Ludwig-Alpen-Burger oder den Don Corleone-Italo Burger. Jeder bunte Burger –so heißt inzwischen auch ihr  Restaurant in der Ehrenfelder Hospeltstraße – besteht aus rein veganen Zutaten, alle Pestos werden  hausgemacht. In der Restaurantküche entwickeln inzwischen vier Köche weitere Rezepte, alle 14 Tage gibt es einen Burger-Spezial, an Montagen  einen veganen Menü-Abend, an  dem die Köche, die zum Teil vorher in Sterne-Restaurants beschäftigt waren, die vegane Klaviatur abseits des Burger-Konzepts bespielen können.

Der Foodtruck rollt auch weiterhin, denn die Gastronomie ist kein Feld, in dem man sich auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. „Wir mussten viel lernen“, sagt Binder. Trotzdem ist das Wagnis mit den Bunten Burgern gelungen. „Ich hatte vorher so viele Projekte für andere gemanagt, es tat einfach gut, endlich mal ein eigenes Projekt zu verwirklichen.“

Krieger im Knast Dieter Gurkasch kämpft für Yoga als Training gegen Aggression im Gefängnis.

Wenn Dieter Gurkasch über das spricht, was Yoga mit einem macht, dann hat man den Eindruck, er erzähle von einer anderen, einer schöneren Welt. „Yoga ist wie eine Kraftquelle“, sagt der  durchtrainierte Mann mit den langen blonden Locken.  Der Hamburger Yogalehrer  wirkt tiefenentspannt, über sein Gesicht scheint dauerhaft ein glückliches Lächeln zu huschen. Die Botschaft von der  heilsamen Wirkung der fernöstlichen Körperkunst scheint er  auch optisch rüberbringen zu wollen.

Gurkasch ist in ganz Deutschland ein gefragter Referent und Yoga-Lehrer. Rund 100 Workshops und Vorträge hält er pro Jahr – auf Tagungen, Yoga- Kongressen oder Yoga-Messen wie der Ayovega, zu der er Mitte Februar nach Köln kommt. Aber anders als andere Yogalehrer  geht Dieter Gurkasch auch in Gefängnisse. In bundesweit 26 Haftanstalten hält der  von ihm mitgegründete Verein „Yoga und Meditation im Gefängnis – YuMiG“  Yoga- und Meditationseinheiten ab.

25 Jahre im Gefängnis

Denn Gurkasch kennt das Leben hinter Gittern gut. Nicht immer war er  der  friedvoll wirkende Mensch, der er heute zu sein scheint. Sein „neues Leben“ währt gerade mal gut fünf Jahre. Am  30. November 2011 begann es. An diesem Tag trat er – seine Habseligkeiten auf einem Bollerwagen – vor die Tore der Haftanstalt in Hamburg-Fuhlsbüttel. Nach 25 Jahren im Gefängnis.

In den Knast gebracht hatten ihn mehrere Drogendelikte und Raubüberfälle und: ja, auch ein Mord. Im Frühjahr 1985 erschlug Gurkasch bei einem Raubüberfall eine Kioskbesitzerin. Wegen 360 Mark. Und das obwohl  – wie er selbst sagt – es nie das Geld war, das ihn seine Straftaten hat begehen lassen. Es sei vielmehr der Wunsch nach Aufmerksamkeit, der Wunsch endlich einmal wahrgenommen zu werden, der ihn seit seiner Jugend zu seinem brutalen Tun antrieb, sagt er rückblickend.

Dieter Gurkasch weiß, dass er seine grauenhafte Tat damit nicht entschuldigen kann. Er bereut sie, betont er. Und er will eine Erklärung dafür  finden. Warum geriet er auf die schiefe Bahn und wurde er zu einem solch brutalen Menschen? Auch für sich  will er das wissen.

Als Kind sei er sensibel und weich gewesen, erzählt er. Aus der Grundschule sei er oft weinend nach Hause gelaufen. „Meine Eltern hat das  erschreckt. Sie hatten Sorge, dass sie mich verhätschelt hätten und ich deshalb  verweichlicht sei“, erinnert sich der heute 55-Jährige. Sie hätten ihn immer wieder ermuntert härter zu werden. Ein  Indianer kenne schließlich keinen Schmerz. Gurkasch sagt rückblickend, dass er dies  als Abkehr seiner Eltern von ihm und seiner sensiblen Persönlichkeit empfunden hat.

„Mit elf oder zwölf hat sich dann bei mir eine Konditionierung gebildet, dass ich nur geliebt werde, wenn ich hart bin“.   Immer mehr Hass habe sich so über die Jahre bei ihm aufgestaut. Die Schule habe er  irgendwie noch beendet, auch seine Bäckerlehre. Doch dann folgten erste Drogendelikte. Später die Bundeswehrzeit. Die habe   in ihm einen weiteren „Verrohungsschub“ ausgelöst, sagt Gurkasch.  „Ich wollte danach nur noch Stress machen. Es ging mir um Anerkennung und darum, es denen, die  sie mir nicht schenkten, heimzuzahlen“, sagt er.

Rückblickend und im Wissen um die Geschichten zahlreicher Mithäftlinge glaubt er, dass es oft Menschen sind, die in ihrer Sensibilität nicht angenommen werden,  die  im Laufe ihres Lebens   „hart“ werden. „Die einen werden dann Bulle, die anderen Gangster“, sagt er und erzählt von einem guten Freund, einem Polizisten. „Als Jugendliche hätten man uns nicht auseinanderhalten können.“

Andere Menschen zerbrechen an dieser Isolation. Ich habe das ausgehalten, weil ich voller Hass und Wut war. Dieter Gurkasch

Gewalt ist für Gurkasch  die Folge einer „Deformation der Seele“.  Seine eigene Seelendeformationen hat er nach seiner ersten Verhaftung im Gefängnis alle spüren lassen. Er blieb unbeugsam, hasserfüllt, rebellisch und gewalttätig: Mehrere Haftanstalten weigerten sich, ihn unterzubringen – erst recht  nach seinem Ausbruch. Seine Freiheit währte genau 23 Stunden. Dann wurde er geschnappt – und kam in Isolationshaft. Sechs Jahre lang.  „Andere Menschen zerbrechen an dieser Isolation. Ich habe das ausgehalten, weil ich voller Hass und Wut war. Der Hass war meine  Kraftquelle“, erzählt Gurkasch.

Auch nach seiner Entlassung 1996 änderte sich das nicht. Wie ein Getriebener beging Gurkasch wieder Raubüberfälle – bis der Tag kam, der sein Leben änderte: Am 9. Juli 1997 geriet er in eine Schießerei mit der Polizei. „Ich wurde von einer Kugel getroffen und musste zwei  mal reanimiert werden. Rückblickend weiß ich, dass das der Moment war, in dem mein Leben  noch einmal auf Anfang gestellt wurde“, erzählt der Hamburger.  Vor allem die Erfahrung, dass seine Frau, die er Anfang der 1990er Jahre kennengelernt hatte,  auch in dieser Situation weiter zu ihm stand, sei dafür wichtig gewesen. „Mein Leben lang habe ich geglaubt, ich müsse stark sein, um geliebt zu werden. Aber Fee liebte mich so, wie ich war.“

Gurkasch wurde erneut  zu  zwölf  Jahren Haft verurteilt, doch langsam wich der Hass aus seinem Leben. Seit 2001 kümmerte er sich um die Gefängnisbücherei. Durch Zufall fällt ihm dort ein Buch über die „Fünf Tibeter“ in die Hand. Er erzählte seiner Frau beim nächsten Besuch davon. „Wenn man schon so eine Ego-Kacke machen will, dann das“, sagte er ihr mehr im Scherz. Doch Fee probierte die Yogaübungen aus und bedrängte ihren Mann, es ihr nachzutun. „Ich habe mich anfangs gesträubt. Ich machte drei Stunden Sport am Tag, konnte einarmig Klimmzüge machen. Da wollte ich doch nicht die zehnminütige alberne Mädchengymnastik machen.“

„Die Fünf Tibeter“: Der Name Fünf Tibeter steht für eine Abfolge von fünf Übungen (Kreisel, Kerze, Halbmond, Brücke und Berg), die den Körper und Geist gesund halten sollen. Angeblich werden sie seit Jahrhunderten von Mönchen in Tibet praktiziert. Zu Beginn soll jede Übung dreimal ausgeführt werden, jede Woche sollen zwei weitere Wiederholungen praktiziert werden, bis schließlich jede Übung 21-mal gemacht wird.

Erst als er sich  kurze Zeit später an der Leiste verletzte, habe er keine Ausreden mehr gehabt. Also fing Gurkasch – zunächst heimlich – jeden Morgen mit seinen  regelmäßigen Yoga-Übungen an. Halbmonde. Kreisel oder Kerzen gehörten fortan zu seinem morgendlichen Ritual. Nach drei  Wochen wurde er auf dem Hof von einem Mithäftling angesprochen: „Du grinst den ganzen Tag nur noch. Verkaufst du mir auch was davon?“ „Der dachte, ich sei auf Drogen“, lacht Gurkasch.

Tatsächlich habe er gemerkt, dass sich nach und nach  die Anspannung in seinem Kopf gelöst habe.  Er spricht von einer tiefen spirituellen Erfahrung. Also  ging er seinen Weg weiter, las philosophische Schriften und lernte, sich durch Meditation von seinen zornigen Gedanken zu befreien und schließlich sein – wie er es  nennt – „friedliches Ich“ zu finden.

Die meisten Mithäftlinge hielten ihn für einen esoterischen Spinner, andere nahmen, wenn auch zunächst zaghaft, sein Angebot in der neuen Knast-Yogagruppe an. „Viele von ihnen haben gemerkt, wie gut ihnen die Übungen getan haben“, erzählt Gurkasch. Ein Gefängnis sei schließlich ein „unglaublich stressbeladener Ort“. Die permanente Kontrolle, das Fehlen der Privatsphäre – all das sei maximaler Stress.  Und Yoga helfe, damit besser umzugehen.

Deshalb kämpfe er dafür, dass die Yoga-Angebote seines Vereins in den Gefängnissen nicht nur als Freizeitaktivität eingestuft werden. „Da müssen sie dann mit Fußball oder dem Hofgang konkurrieren“, bedauert er. Besser sei es, Yoga in den Gefängnissen wie ein Antiaggressionstraining als therapeutische Maßnahme anzubieten. „Das erleichtert den Insassen, diesen Schritt zu gehen.“

In einem Buch hat Dieter Gurkasch seine Geschichte aufgeschrieben. Auch in seinen Vorträgen erzählt er offen von seiner kriminellen Vergangenheit. Nein, ein Marketing-Gag sei das nicht. „Das ist ein Teil meines Lebens. Den zu verschweigen, wäre Betrug“, sagt er. Außerdem habe er erst im Gefängnis Fähigkeiten erworben, die es ihm jetzt ermöglichten, anderen  zu helfen. „Kein Schlamm, kein Lotus“, zitiert  Gurkasch ein asiatisches Sprichwort. Vielleicht beschreibt es auch sein Leben.