geschrieben von Joachim Frank

Die Nacht, die alles veränderte
Wie „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ die Geschehnisse an Silvester 2015 aufgearbeitet haben.

Die Nacht, die alles veränderte von Joachim Frank

In der Silvesternacht 2015 haben die Journalisten der Kölner Medien viel zu tun. Für sie ist dieser Jahreswechsel einer der arbeitsreichsten seit langem. Doch das hat zunächst rein gar nichts mit den Geschehnissen am Hauptbahnhof zu tun, die bald bundesweit, ja international traurige Berühmtheit erlangen werden.

1. Januar

Um 1.30 Uhr am Neujahrsmorgen bricht in einer Tiefgarage in Köln-Porz ein Feuer aus. Bei dem hochdramatischen Löscheinsatz werden zwei Feuerwehrleute lebensgefährlich verletzt. Der Polizeireporter des „Kölner Stadt-Anzeiger“ (KStA) erfährt früh von dem Brand, er eilt hin und bleibt bis zum Morgen vor Ort – ebenso die Reporter des „Express“, anderer Kölner Zeitungen und deren Kollegen von Fernseh- und Radiosendern. Dass zur selben Zeit, gerade einmal 14 Kilometer Luftlinie entfernt, ein entfesselter Männer-Mob Hunderte Frauen überfällt, sexuell belästigt und drangsaliert; dass die Polizei macht- und tatenlos daneben steht; und dass diese Stunden nur Tage später einen Stimmungsumschwung und Wendepunkt in der deutschen Flüchtlingspolitik markieren sollten, ahnt zu diesem Zeitpunkt keiner der Journalisten, die sich in Porz die Nacht um die Ohren schlagen.

Auch am Vormittag des 1. Januar sind die sexuellen Massenübergriffe weiterhin kein Thema in den Redaktionen – nicht zuletzt, weil die Polizei Köln um 8.59 Uhr per Pressemitteilung über die Silvesterfeiern in der Stadt offiziell vermeldet: „Ausgelassene Stimmung, Feiern weitgehend friedlich, Polizei gut aufgestellt.“ Gibt es einen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln? Zunächst nicht.

Pressemitteilung der Polizei Köln am 1. Januar 2016

POL-K: 160101-1-K/LEV
Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich

Kurz vor Mitternacht musste der Bahnhofsvorplatz im Bereich des Treppenaufgangs zum Dom durch Uniformierte geräumt werden. Um eine Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1000 Feiernden zu verhindern, begannen die Beamten kurzfristig die Platzfläche zu räumen. Trotz der ungeplanten Feierpause gestaltete sich die Einsatzlage entspannt – auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte.

Doch in den Mittagsstunden ändert sich das. In der Facebook-Gruppe „Nett-Werk Köln“ melden sich erste Opfer und Augenzeugen der Straftaten vor dem Dom zu Wort. Janine Grosch, Digital-Redakteurin des „Kölner Stadt-Anzeiger“, wird auf die Berichte aufmerksam. Kurz darauf hat sie eine Anruferin am Telefon, die in der Nacht von Männern angegriffen worden ist und aus erster Hand von den Zuständen am Hauptbahnhof berichtet. Janine Grosch will diese Angaben von der Polizei überprüfen lassen, doch eine Sprecherin kann auf Anfrage lediglich eine einzige Straftat mit sexuellem Hintergrund im internen Dienstcomputer finden. Dennoch: Um 13.21 Uhr berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ als erstes journalistisches Medium bundesweit über die unglaublich klingenden Ereignisse. Überschrift: „Sexuelle Belästigung in der Silvesternacht – Frauen im Kölner Hauptbahnhof massiv bedrängt“.

Im Verlauf des Neujahrstages erreichen vereinzelt auch E-Mails von Zeugen und Opfern die Redaktion. Doch die Polizei bestätigt die geschilderten Zustände auch weiterhin nicht, bleibt stattdessen bei ihrer grundsätzlichen Aussage von 8.59 Uhr: Feiern weitgehend friedlich… Der Widerspruch ist rätselhaft, er lässt sich bis zum Abend des 1. Januar nicht auflösen. Die Redaktion, in der Chefredakteur Peter Pauls am Neujahrstag den Feiertagsdienst übernommen hat, entscheidet sich, über die Vorkommnisse der Silvesternacht in der Printausgabe von Samstag/Sonntag, 2./3. Januar, vorerst zurückhaltend zu berichten und über das Wochenende weitere eigene Recherchen anzustrengen.

Am 1. Januar um 16.25 Uhr erhält Oliver Meyer, Polizeireporter des „Express“, einen Anruf einer jungen Frau, die am Hauptbahnhof mit zwei Freundinnen Opfer des Sex-Mobs wurde. Die Frauen berichten ihm detailliert, was sie erlebt haben. Meyer, der an diesem Tag eigentlich dienstfrei hat, kontaktiert die Redaktion. Auch hier erkennen Meyers Kollegen unter Leitung von Chefredakteur Carsten Fiedler frühzeitig die politische Brisanz dessen, was nachts am Hauptbahnhof passiert sein muss. Um 21.08 Uhr titelt express.de: „Hauptbahnhof: Junge Frauen sexuell belästigt“.

2. Januar

Am Samstag, 2. Januar, gegen neun Uhr, erhält KStA-Polizeireporter Tim Stinauer den Anruf eines Informanten, eines hochrangigen Behörden-Mitarbeiters. Der Anrufer berichtet, die Polizei gehe intern – ganz anders als in ihrer öffentlichen Darstellung – längst von gravierenden Straftaten aus. Bereits am Vortag sei eine Ermittlungsgruppe gebildet worden. Bisher hätten mehr als 30 Opfer Anzeige erstattet, man gehe von mehr als 40 Tätern aus. Stinauer ist elektrisiert. Minuten später wird die Nachricht auf www.ksta.de veröffentlicht. Nun nimmt das Thema Fahrt auf. Am Abend bestätigt die Polizei Köln die Angaben der Zeitung in einer Pressemitteilung.

ksta-Berichterstattung

3/4. Januar

Am 3. Januar berichtet der Sonntag-„Express“ über eine ganze Seite von den Ausmaßen. Ein Opfer kommt ausführlich zu Wort. Der Bericht benennt erstmals auch die vermutlichen Täter: junge Zuwanderer aus Nordafrika.

Die folgenden Tage in der Redaktion beginnen früh morgens und enden oft erst tief in der Nacht. Sie sind bestimmt von der Beschaffung und Auswertung relevanter Dokumente, von Telefonaten mit Opfern und Zeugen, aber auch von Gesprächen mit Polizeibeamten und Rettungskräften, die in der Nacht im Einsatz waren, sowie mit Mitarbeitern verschiedener Behörden, die Einblick in die laufenden Ermittlungen haben – und die hinter vorgehaltener Hand darüber Auskunft geben, obwohl sie es eigentlich nicht dürften. Sie tun es trotzdem, weil sie – zum Teil über Jahre – Vertrauen gewonnen haben zur Arbeit der Journalisten. Und weil sie selbst zunehmend entsetzt sind über die defensive, lückenhafte Pressearbeit der Polizei Köln, des Innenministeriums und der Landesregierung. Ein Beamter schildert zum Beispiel, dass der Dienstgruppenleiter der Leitstelle, der ranghöchste Kölner Polizist in der Silvesternacht, sich noch am frühen Morgen des 1. Januar geweigert habe, die mutmaßliche Herkunft der Täter in einer polizeiinternen WE-Meldung über ein „Wichtiges Ereignis“ zu nennen. Seine Begründung gegenüber dem Einsatzleiter aus der Innenstadt lautete sinngemäß: „Das ist mir politisch zu heikel.“ Auch darüber berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ exklusiv.

Besonders unter die Haut geht den Reportern von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ die Lektüre der Strafanzeigen aus der Silvesternacht. Viele Frauen schildern ihre völlige Hilflosigkeit und beschreiben eindrücklich, wie sie von der Polizei im Stich gelassen wurden. Eine junge Frau aus Dormagen berichtet, die Beamten hätten die Übergriffe abgetan und erklärt, als Mädchen „müsse man halt mit sowas rechnen“. Im Duktus und Jargon von Polizeiprotokollen werden die Vorfälle oft bagatellisiert oder heruntergespielt, wenn es etwa in einem Polizeibericht heißt, „die Geschädigte wurde in der Silvesternacht aus einer Gruppe am Gesäß gestreichelt.“

express-Berichterstattung

Am 4. Januar packt ein Polizist im „Express“ aus und schildert: „Was die Frauen dort erlebt haben, waren Vergewaltigungen. Die von uns kontrollierten Personen hatten alle kopierte Papiere dabei, vorläufige Aufenthaltsbescheinigungen für laufende Asylverfahren.“ Damit wird deutlich: Der Polizeiführung war sehr wohl bekannt, um welches Klientel es sich gehandelt hat. Der Stuhl von Polizeipräsident Wolfgang Albers wackelt.

8. Januar

Am frühen Morgen des 8. Januar bekommt Tim Stinauer das Foto eines Zettels zugespielt, den Polizisten ein paar Tage nach der Silvesternacht bei der Kontrolle zweier junger Männer auf dem Breslauer Platz gefunden haben. Er zeigt ungelenke Übersetzungen sexistischer Begriffe und anzüglicher Sprüche ins Deutsche. Kaum ist dieses Foto auf www.ksta.de zu sehen, melden sich Zeitungen und Fernsehsender aus Deutschland und der Schweiz in der Redaktion. Sie wollen das Dokument ebenfalls veröffentlichen. Am Nachmittag versetzt Innenminister Ralf Jäger (SPD) Polizeipräsident Albers in den einstweiligen Ruhestand, „um das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Handlungsfähigkeit der Kölner Polizei zurückzugewinnen“.

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Zettel
Zettel mit kruden Übersetzungshilfen

Polizeireporter Tim Stinauer ist von Anfang an der Kopf der Enthüllungen beim „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er wird es auch in den folgenden Wochen bleiben – unterstützt vom Düsseldorfer Landeskorrespondenten Fabian Klask und NRW-Ressortleiter Detlef Schmalenberg. Beim „Express“ nehmen sich Gerhard Voogt, Leitender Redakteur Politik, und Christian Wiermer, Chefreporter und Berliner Korrespondent, der Recherche an.

Ihre Enthüllungen werden in den folgenden Monaten national und bisweilen international Aufmerksamkeit finden – und Verantwortliche immer wieder in Bedrängnis bringen. Schon früh merken die Journalisten, dass anfängliche Darstellungen von offizieller Seite nicht stimmen können. Mit Albers’ Entlassung ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Immer noch gibt es mehr Fragen als Antworten: Was genau ist passiert in jener Nacht? Wer ist verantwortlich für das Versagen der Sicherheitskräfte, von dem Albers’ Nachfolger Jürgen Mathies in aller Nüchternheit spricht? Sollten die Ereignisse selbst und das Fehlverhalten der Verantwortlichen in den Behörden verharmlost oder gar vertuscht werden?

Die Monate danach

Eine neue Runde der Recherche beginnt. Wieder führt das Team des „Stadt-Anzeiger“ zahlreiche Hintergrundgespräche, verfestigt Kontakte zu Informanten und sucht neue Hinweisgeber. Monatelang bespricht das Team mehrmals täglich die Informationslagen. An den Zeitungsbeiträgen für den nächsten Tag feilen die Autoren nicht selten noch spätabends. Tausende interne Vermerke müssen beschafft, gelesen und bewertet werden. Länger als ein Jahr wird das Trio an der Geschichte dran bleiben.

Beim „Express“ gleichen die Reporter Voogt und Wiermer meist mehrfach am Tag telefonisch ihre Recherchespuren telefonisch ab. Um die tatsächlichen Abläufe in der Silvesternacht beschreiben zu können, recherchieren auch sie umfangreiches Material, werten Zehntausende Seiten größtenteils vertraulicher Akten, sichten Hunderte Stunden Video- und Audiomaterial und versuchen mit Hilfe von Opfern, Zeugen, Helfern und Verantwortlichen, die Geschichten hinter den Geschichten zu erzählen. Möglich ist das nur mit ungezählten Nachtschichten und Heimarbeit, die gelegentlich gleich in den nächsten Frühdienst mündet. Die Konkurrenz ist groß, die gesamte deutsche Presse untersucht die Kölner Silvesternacht und arbeitet sich daran ab. Schon oft haben Geschehnisse in Köln oder im nordrhein-westfälischen Verbreitungsgebiet bundesweit Beachtung gefunden. Doch diesmal wissen die Kölner Journalisten, dass sie es mit einem Ereignis von noch größerer Dimension zu tun haben. Die Nachrichten aus der Silvesternacht sind buchstäblich um die ganze Welt gegangen.

Vor allem der Verdacht, die Verantwortlichen in Stadt und Land hätten das Ausmaß der sexuellen Übergriffe vertuschen wollen, macht die Geschichte zur Endlos-Recherche, die die Reporter-Teams nicht loslässt. Sie arbeiten hartnäckig weiter, auch als irgendwann der „Normalbetrieb“ zurückkehrt, was nichts anderes bedeutet als eine Fülle anderer Arbeiten, die es auch noch zu erledigen gilt.

Bei KStA-Chefredakteur Peter Pauls, der den aktuellen Stand der Recherchen immer wieder in der Zeitung kommentiert, finden die Reporter immer Rückhalt, wenn sie „in Sachen Silvester“ vorrangig unterwegs sind. Auch Pauls’ Express-Kollege Carsten Fiedler hält seinen Rechercheuren den Rücken frei und ermuntert sie, die Geschehnisse aufzuklären. Im Juni 2016 berichten Voogt und Wiermer über die „Fallakte 1“. Es geht um eine junge gehörlose Frau, die an Silvester Opfer eines schweren sexuellen Übergriffs geworden ist. Was ihr widerfuhr, war nach Recherchen der Autoren schon in den allerersten internen Informationen der Polizei an die Landesregierung enthalten. Die Geschichte der „Vergewaltigung, die keine sein sollte“ wird dadurch in den folgenden Monaten immer wieder zum Gegenstand im Rahmen der politischen Aufklärung.

An 60 Sitzungstagen wird sich der Parlamentarische Untersuchungsausschuss des nordrein-westfälischen Landtags mit der Silvesternacht beschäftigen, mehr als 170 Zeugen werden gehört. In wechselnder Besetzung sind die Teams von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ immer dabei. Die Politiker sind gelegentlich genervt von begleitenden Veröffentlichungen im „Kölner Stadt-Anzeiger“ wie auch den Berichten der Kollegen vom „Express“. Im Mai 2016 beantragen die Obleute von SPD und Grünen sogar, die Staatsanwaltschaft prüfen zu lassen, ob den beiden Zeitungen Unterlagen des Untersuchungsausschusses zugespielt worden sind. Die Redakteure halten das für ein deutliches Zeichen, auf der richtigen Spur zu sein. Die Drohung mit dem Staatsanwalt, von der sich die Journalisten nicht einschüchtern lassen, wird schließlich fallen gelassen. Der Antrag wird zurückgezogen.

„Der Skandal im Skandal ist oft mindestens so schlimm wie das Ursprungsgeschehen. Das gilt auch für die Silvesternacht“, sagen die Reporter resümierend. Bereits die Taten selbst seien schrecklich gewesen, umso fataler aber dann auch der Umgang mit ihnen, mit den Fehlern und Versäumnissen in Planung, Durchführung des Einsatzes, sowie das Agieren der politisch Verantwortlichen in der Zeit danach. Es ist aber nicht nur die Suche nach der Wahrheit, die die Redaktion schon kurz nach den Ausschreitungen der Silvesternacht umtreibt. Es ist auch die Frage nach den Folgen; die Frage, wie Einzelne oder die Gesellschaft umgehen sollen mit dieser Erfahrung exzessiver Gewalt im öffentlichen Raum.

Fotos aus dem Kölner Hauptbahnhof, aufgenommen im Januar 2016 zur „Rush-Hour“ am frühen Morgen, zeigen gähnende Leere in den Durchgängen, eine fast gespenstische Atmosphäre an einem sonst so lebendigen Ort. Diese Bilder stehen sinnbildlich für die Stimmung jener Tage. Gewiss, die Kölner Polizei zeigt Präsenz wie lange nicht. Andererseits wirkt es, als wären die Verantwortlichen der Stadt in einer Art Schockstarre. Oberbürgermeisterin Henriette Reker, von den Verletzungen des Attentats auf sie gerade erst genesen, agiert hilflos, zumal nach ihrer „Armlängen-PK“. Als sie jungen Frauen unglücklich eine Empfehlung von Opferschutz-Experten weitergibt, potenzielle Grabscher auf Abstand zu halten, bricht im Netz ein Shitstorm über die parteilose Politikerin herein.
„Das Unrecht, das den Opfern angetan wurde, sollte durch unsere Recherchen ans Licht kommen“, sagen die Kölner Journalisten im Rückblick. „Das Ausmaß des Staatsversagens, das durch unsere Enthüllungen bekannt wurde, ist und bleibt erschütternd. All das offenzulegen, war eine starke Antriebsfeder für unsere Arbeit.“

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