geschrieben von Jill Frenz

Schlaganfall mit 23 Jahren
Der Moment, in dem mein Körper plötzlich durchdrehte, veränderte mein ganzes Leben.

Schlaganfall mit 23 Jahren von Jill Frenz

Ich bin auf dem Weg nach Hause, als es in meinem linken Arm plötzlich kribbelt. So wie tausend Ameisen. Aber das geht bestimmt gleich wieder, ich setze mich trotzdem ins Auto. Jetzt kommt auch noch Schwindel und Übelkeit dazu. Doch lieber mal rechts ranfahren. Ich versuche den Blinker zu setzen, aber meine linke Hand gehorcht mir nicht mehr. Einatmen, ausatmen. Aber so sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es nicht, den Hebel umzulegen. Jetzt steigt Panik in mir hoch. Was ist los mit mir? Es gelingt mir irgendwie, zu Hause anzurufen.

„Hast du getrunken?“ fragt mein Vater am Telefon. Ich stelle mir vor, wie erleichtert ich wäre, wenn tatsächlich bloß Alkohol der Grund für mein Körperchaos wäre. Gleichzeitig bin ich tief beleidigt, dass mein Vater mir scheinbar zutraut, mich alkoholisiert hinters Steuer zu setzen. Nein, Alkohol kann ich ausschließen. Stocknüchtern und verzweifelt schluchze ich in den Hörer: „Ich weiß nicht was los ist, aber ich glaube, irgendetwas ist in meinem Kopf kaputt gegangen, Papa…“

Meine Eltern bringen mich ins Krankenhaus. Eine Computer-Tomographie später teilen uns die Ärzte das Unfassbare mit: „Frau Frenz, Sie hatten einen schweren Schlaganfall.“ Bitte, was?!

Schlaganfall. Das kriegen doch nur alte Menschen. Oder Raucher. Oder Trinker. Eben die, die nicht gesund leben. Ich jedenfalls nicht. Ich bin 24, rauche nicht, ernähre mich gesund. Und trotzdem ist mein Körper vor einem Jahr plötzlich durchgedreht. So fühlte es sich jedenfalls an, an diesem Samstagmittag im April.

Meine Mutter glaubt, die Ursache für den Schlaganfall sofort zu kennen: „Du hattest einfach zu viel Stress, Kind. Es war klar, dass das irgendwann zu viel wird.“ Klar, ich hatte zu viel Stress, neben meinem Studium haben mich sechs Nebenjobs bei Radio- und TV-Sendern ständig auf Trab gehalten.  Aber habe ich deswegen einen Schlaganfall bekommen? Die Ärzte sagen mir, dass Stress zwar kein primärer Auslöser eines Schlaganfalls sein kann, aber zu verdicktem Blut und Bluthochdruck führt  – was wiederum das Schlaganfallrisiko erhöht. In meinem Fall war der eigentliche Übeltäter aber meine rechte Halsschlagader. Sie wurde porös und brachte ein Blutgerinnsel hervor, das dann in mein Gehirn wanderte und dort einen Infarkt ausgelöst hat.

„Man nennt das einen ischämischen Schlaganfall“, erklärt mir der Chefarzt dann den genauen Namen meiner Erkrankung. Mein Vater, der sich bei Google näher darüber informiert, erzählt mir, dass auch der Sänger Roger Cicero diese Art von Schlaganfall erlitten hatte. Moment, war der nicht erst kürzlich daran gestorben? Super, danke für die Info, Papa…

Ein Blutgerinnsel verstopft während eines ischämischen Schlaganfalls eine Ader im Gehirn, was die Sauerstoffzufuhr einige Zeit lang verhindert und zahlreiche Zellen absterben lässt. Bei mir fand das in der rechten Hirnhälfte statt, weswegen die linke Körperhälfte gelähmt ist. Immerhin kann ich mich noch normal mitteilen, denn das Sprachzentrum sitzt in der linken Hirnhälfte.

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Schlaganfall
Stress kann ein Faktor sein, der einen Schlaganfall begünstigt.

Thomas Banneyer

Halbseitig gelähmt liege ich im Krankenhausbett im westfälischen Lippstadt, als eine Schwester zu mir kommt und mir die neuesten MRT-Aufnahmen zeigt: „Dir droht leider noch ein schwererer Schlaganfall und wir müssen dich in die Uniklinik nach Münster fliegen, da wir das hier nicht operieren können.“ Auch das noch. Bitte keine Operation. Ich habe totale Panik, dass sie mir meine  Haare abrasieren und  den Kopf aufschneiden, aber die Schwester beruhigt mich und erklärt, dass die Ärzte in Münster nur mit einem Katheter durch meine Leiste bis ins Gehirn wandern, um das Gerinnsel dort aufzulösen. Dass mir keine Glatze droht, beruhigt mich ein bisschen, die blassen Gesichter meiner Eltern weniger. Für Aufmunterung sorgen die beiden gut gelaunten Sanitäter, die mich mit dem Hubschrauber nach Münster bringen sollen: „Wer hat hier einen Freiflug gewonnen?“ scherzen sie, bevor sie mich auf der Trage mitnehmen.

Im Hubschrauber misst einer der Sanitäter meinen Blutzucker und erklärt, dass eine Unterzuckerung die gleichen Symptome hervor rufe wie ein Schlaganfall. Ach wie schön wäre das, wenn ich bloß unterzuckert wäre. Dann könnten wir ja wieder landen, ich würde eine Tafel Schokolade essen und nach Hause fahren; mit meiner Freundin Lorena wie geplant in den Mai tanzen und nur noch darüber lachen, was mir heute passiert ist. Aber ich habe Pech: Der Blutzucker ist bestens und mich hat wohl doch ein Schlaganfall erwischt.

Die Operation in Münster gelingt nicht. Als ich auf der Intensivstation aufwache, wird mir erklärt, dass das Gerinnsel nicht gelöst werden konnte. Meine Halsschlagader hat sich verschlossen, der Katheter ist nicht bis ins Hirn gekommen. Darum ereilt mich auch der angekündigte zweite, noch schwerere Schlaganfall. Und er richtet großen Schaden an: Konnte ich meinen linken Arm nach dem ersten Schlaganfall zwar unkontrolliert, aber immerhin überhaupt noch bewegen und schwerfällig laufen, tut sich jetzt rein gar nichts mehr.

270.000 Deutsche erleiden laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe jährlich einen Schlaganfall – darunter 140.000, die jünger als 50 Jahre sind und sogar 300 Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 18 Jahren. Auch Säuglinge können während der Geburt oder sogar im Mutterleib schon einen Schlaganfall bekommen.

Wie schlimm es aber wirklich um mich steht, wird mir erst einen Tag später bewusst: Ich sei eine „tickende Zeitbombe“ sagt eine Krankenschwester. Der Arzt erklärt, warum: Weil ich sehr müde sei und ständig einschlafe, spräche vieles dafür, dass mein Gehirn durch den Schlaganfall anschwelle. Deswegen müssten die Ärzte mir vorsorglich die Schädeldecke entfernen, um dem Gehirn Platz zu schaffen. Der Schädelknochen würde dann eingefroren und später wieder eingesetzt. „Ich will das nicht!“ sage ich dem Arzt. „Es kann sein, dass du dann stirbst!“, sagt der Arzt. Ich muss schwer schlucken. An einen nahenden Tod hatte ich noch gar nicht gedacht – bis jetzt. Aber ich habe noch mal Glück: Die Gehirnschwellung  geht zurück. Einen Tag später kann ich die Intensivstation verlassen.

Dem Schlaganfall etwas abgewinnen

Jetzt beginnt die Rehabilitation und ich lerne: Junge Betroffene wie ich haben einen großen Vorteil, denn das Gehirn ist noch anpassungsfähig und lernt deutlich schneller als das eines älteren Menschen. Die Aufgaben der Gehirnareale, die bei mir durch den Schlaganfall zerstört wurden, können durch andere übernommen werden. Die Chancen vollständiger Genesung, also des Wiedererlernens aller motorischen Fähigkeiten, stehen gut.

Aber es ist mühsam. Täglich besuchen mich zwei Physiotherapeutinnen, um mir das Laufen wieder beizubringen. Dass ich erst einmal viele grundlegende Dinge neu üben muss, macht mich wahnsinnig. Ich bin ein ungeduldiger Mensch, aber immerhin nicht hoffnungslos. Und der Erfolg stellt sich tatsächlich ein: Nach drei Monaten kann ich die Reha-Klinik auf eigenen Beinen verlassen. Lediglich mein Arm funktioniert noch nicht wieder, sodass das Training zu Hause weiter gehen muss.

Heute, ein Jahr nach meinem Schlaganfall arbeite ich immer noch an meiner Hand. Vieles in meinem Alltag bekomme ich nur mit fremder Hilfe hin: Anziehen oder Duschen zum Beispiel. An Kochen ist nicht zu denken. Ich esse fast ausschließlich auswärts und muss darauf achten, mir nichts zu bestellen, das ich mit Messer und Gabel zerschneiden müsste. Straßenbahnfahren ist ein Abenteuer, wenn man sich nur mit einer Hand festhalten kann. Es bietet mir auch niemand seinen Platz an, meine Behinderung sieht man mir schließlich nicht sofort an. Und darum bitten wäre mir unangenehm. Ich sehe meine Behinderung natürlich sofort: Ich kann mir meine Haare nicht mehr glätten, so wie früher. Oder selbst einen Zopf binden. Und meine Gesichtszüge sehen irgendwie schief aus wegen der Lähmung. Daran arbeite ich noch mit einer Logopädin. Dazu kommen noch fast täglich Termine bei Ergo- und Physiotherapeuten.

Die Prognose meiner Therapeuten hält mich bei der Stange: In etwa einem Jahr soll ich wieder greifen können. Greifen im Sinne von: einfachen Zopf binden, selbstständig duschen. Dass ich jemals wieder meine Feinmotorik zurückerlange und dann zum Beispiel Klavier spielen oder Frisuren flechten könnte, darauf macht mir niemand Hoffnung. Greifen wäre aber schon mal toll.

Unter Beobachtung

Vielleicht würden sich meine Eltern dann auch wieder etwas entspannen. Seit meinem Vorfall bin ich zuhause wieder auf Kleinkind-Status zurückgestuft. Mehr vier als 24. Meine Mutter und mein Vater beobachten jeden meiner Schritte, passen auf, dass ich wegen meines unsicheren Gangs nicht stürze und trauen mir insgesamt nur noch wenig Selbstständigkeit zu. Sie sorgen sich um mich. Mit meinen Freunden ist es leichter. Trotz meines Handicaps bin ich fast überall dabei, komme mit zur Kirmes oder zum Feiern – und habe Spaß. Nur wenn sie mich fragen: „Wie geht es deinem Arm, machst du Fortschritte?“, reagiere ich genervt. Das setzt mich unter Druck und ich fühle mich schlecht, wenn ich noch nicht von weiteren Fortschritten berichten kann.

Es gibt Momente, da kann ich dem Schlaganfall sogar etwas abgewinnen. Ich bin durch diese Erfahrung  zufriedener mit dem Leben geworden, Gesundheit ist nicht mehr so selbstverständlich wie vor der Erkrankung.  Ich hadere nicht mit meinem Schicksal und weiß, dass ich durch dieses Erlebnis sehr viel gelernt habe. Ein bisschen stolz bin ich sogar auch, die bisher schwerste Zeit meines jungen Lebens so gut überstanden zu haben. Aber was blieb mir anderes übrig?  Ich denke oft an den Kommentar einer älteren Dame, die ich in der Rehaklinik kennen gelernt habe und die nach dem Lauschen meiner Geschichte gesagt hat: „Es ist wirklich unfassbar, was man alles aushalten kann, wenn man keine andere Wahl hat.“ Damit  hat sie Recht.

Hilfe für Betroffene

Den Kontakt zu jungen Betroffenen sowie zu Fachkräften stellt Sandra Rösemeier her, die sich bei der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe um die Belange junger Patienten  kümmert.

Wer selbst Hilfe sucht, findet hier Kontaktdaten und Informationen

  Kommentare ( 4 )

  1. Was für ein toll geschriebener Bericht! Ich finde du hast prima Worte gefunden um jemandem deine Lage und deine Erlebnisse zu vermitteln. Das finde ich wirklich bewundernswert! Und vor allem Mut-spendend, denn ich bei in einer ähnlichen Lage – zwar kein Schlaganfall aber MS – das verändert auch früh die Sicht auf die Dinge. Alles Gute auf deinem weiteren Weg liebe Jill!

  2. Ich habe deinen Bericht und deine unglaubliche Geschichte mit Spannung verfolgt und bin begeistert von deinem Lebensmut und deiner scheinbar unbändigen Stärke.
    Ich bin selbst Ergotherapeutin und kann daher in etwa einschätzen welche enorme Leistung du Tag für Tag erbringst und welch schweren mühsamen Weg du bereits hinter dir hast. Ich wünsche dir weiterhin diese ausdauernde Kraft und Energie und hoffe dass du stets solche Fortschritte machst. Glaube an dich und deine Fähigkeiten.

  3. Hallo zusammen, erstmal es ist ein toller Bericht und ich wünsche dir Alles Alles Gute. Warum schreibt denn mal keiner was man zur eigenen Vorbeugung nehmen sollte ??? Strophanthin warum wird es nicht mehr angewendet, wenn es doch Leben retten kann ?????? z.b. OPC (Oligumere Proanthocyanidine) innerhalb von 24 Stunden für eine doppelte Festigkeit der Arterien, es verdünnt das Blut, denn nur durch ein dünnes Blut kann der Körper mit ausreichend Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden.
    Das Vitamin K2 mk7 eine entscheidende Rolle beim Verhindern von Kalkablagerungen an Gefäßwänden und Herzklappen spielt und sogar wieder rückgängig machen konnte (kann man alles in Studien nachlesen). Dann noch L-Arginin (Nobelpreis für Medizin 1998) für die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen essentiell ist. Es konnte gezeigt werden, dass Arginin den Ablagerungen und Entzündungen in den Gefäßen entgegenwirkt und durch Weitung der Gefäße die Durchblutung im gesamten Körper verbessert. Nattokinase: ein starkes und sicheres Thrombolytikum (bei google mal Nattokinase focus eingeben). Und nun zum Thema Vitamin D: Unter den vielen Vorteilen, welche die Forschung auflistet, zeigt diese neueste Studie, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel (man sollte einen Spiegel von 60-100 haben und nicht wie die meisten einen Spiegel von 8-12) Ihr Risiko für einen Schlaganfall verdoppeln. Dies ergänzt die bisherigen Forschungen. In diesem Jahr wurde auch veröffentlicht, dass der Vitamin D-Mangel in enger Verbindung mit den arteriellen Risiken steht, also einen Risikofaktor für Herzerkrankungen und Schlaganfall darstellt. Eine weitere Studie aus Finnland stellte fest, dass diejenigen Menschen mit dem niedrigsten Vitamin D-Spiegel ein um 25 Prozent höheres Risiko haben, an Herzkrankheiten oder einen Schlaganfall zu sterben.
    Hoffe der Kommentar wird nicht gelöscht. Leider sind nur die Sachen Interessant, wo man viel Geld mit machen kann !!!
    Man könnte noch viele andere Aufzählen und es gibt sehr sehr viele Studien (Weltweit).
    Der ksta könnte mal eine Serie starten ? Es gibt genug Experten die zu diesen Themen interviewt werden können.

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