geschrieben von Harald Biskup

Die RAF – Als linker Protest zum Terror wurde
1968 stehen Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Frankfurt wegen Brandstiftung vor Gericht. Ulrike Meinhof schreibt als Reporterin über den Prozess. Es ist die Geburtsstunde der „Rote Armee Fraktion“.

Die RAF – Als linker Protest zum Terror von Harald Biskup

Kein formeller Gründungsakt, bloß eine Begegnung vor Gericht und eine programmatische Erklärung in einem Kreuzberger Anarcho-Blättchen können als eng miteinander verbundene Ereignisse das Geburtsrecht der „Rote Armee Fraktion“ beanspruchen, jener linksextremistischen Terrorgruppe, die die Bundesrepublik drei Jahrzehnte lang mit Morden, Entführungen und Brandanschlägen in Atem hielt.

Doch der Reihe nach: Im Oktober 1968 müssen sich der Gelegenheitsjobber und Bohemien Andreas Baader und seine Freundin, die Pfarrerstochter und Lehrerin Gudrun Ensslin, vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main verantworten. Am 2. April 1968 haben sie nach Geschäftsschluss in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brandsätze gelegt, die einen Sachschaden in Höhe von 1,6 Millionen Mark anrichten. Verletzt wird niemand. Das Gericht verurteilt Baader, Ensslin und zwei Komplizen wegen menschengefährdender Brandstiftung zu drei Jahren Zuchthaus.

Über den Prozess schreibt als Gerichtsreporterin die zeitweilige Chefredakteurin des linken Magazins „Konkret“, Ulrike Meinhof. Sie findet zunehmend Gefallen am Gedankengut der Angeklagten. Der Gerichtssaal gilt manchen als Ursprungsort der RAF, deren spätere Führungsriege hier erstmals versammelt ist.

Die eigentliche Geburtsstunde der RAF schlägt aber erst anderthalb Jahre später. Weil die Verteidiger Horst Mahler und Otto Schily, der spätere Bundesinnenminister, Revision beantragt haben, kommen Baader, Ensslin und ihre Mittäter vorübergehend auf freien Fuß. Ensslin setzt sich mit ihrem Partner nach Paris ab. Im April 1970 geht Baader der Berliner Polizei bei einer fingierten Verkehrskontrolle ins Netz. Zu seiner Befreiung aus der Haft bedienen sich seine Gesinnungsgenossen einer Finte. Baader beantragt bei der Anstaltsleitung eine „Ausführung“. Ziel in Begleitung bewaffneter Justizbeamter ist das renommierte Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin-Dahlem. In der Bibliothek wartet Meinhof auf Baader. Eine Unterstützergruppe stürmt den Lesesaal. Bei einem Schusswechsel werden ein Beamter und ein Institutsmitarbeiter verletzt, Baader und Meinhof springen aus dem Fenster und können mit einem wartenden Alfa Romeo entkommen. Aus der Kolumnistin ist die Terroristin Meinhof geworden. Die Sicherheitsbehörden haben fortan keine Einzeltäter mehr im Visier, sondern fahnden nach der „Baader-Meinhof-Bande“.

Schon drei Wochen später erscheint in der Kreuzberger Szene-Postille „Agit 883“ ein Text, der die Tat als Beginn des „bewaffneten Kampfes“ zum Aufbau einer „Roten Armee“ bezeichnet. Von „Rote Armee Fraktion“ noch nicht die Rede. Dieser Begriff taucht erstmals im April 1971 in einem „Konzept Stadtguerilla“ auf. Da trainieren die ersten Mitglieder der aus etwa 60 Sympathisanten bestehenden Gruppe im damals kommunistisch beherrschten Süd-Jemen bereits den bewaffneten Kampf.

Nach der erfolgreichen Baader-Befreiungsaktion, analysiert der Berliner Politologe Herfried Münkler, sei eine „Eigendynamik terroristischer Gewalt“ in Gang gekommen. Die Ideologie der Gruppe habe eher die „Funktion nachträglicher Rechtfertigung gehabt als die einer vorausgegangenen Motivierung und Handlungsanleitung“. Baader und Meinhof, die „theoretisch produktivsten Köpfe“ der RAF, seien in den Untergrund gegangen, weil sie nach dem Ende der Außerparlamentarischen Opposition (APO) keine Perspektive gesehen hätten – außer einer „Steigerung des Militanz-Niveaus“.

Totale Befreiung von der totalen Repression, das sind die utopisch-revolutionären Ziele der RAF-Gründergeneration. In der erwähnten Programmschrift „Konzept Stadtguerilla“, als deren Autorin Meinhof vermutet wird, ist auch die Parole zu lesen, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Im Kapitalismus gebe es nichts, „das einen bedrückt, quält, hindert, belastet, was seinen Ursprung nicht in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen hätte“. Und jeder Unterdrücker, „in welcher Gestalt auch immer er auftritt, ist ein Vertreter des Klasseninteresses des Kapitals. Ein Klassenfeind.“

Als ihre Vorläuferin hat die RAF gern die Studentenbewegung bezeichnet. Das ist in dieser Zuspitzung und Vereinfachung allenfalls ein Teil der Wahrheit, denn der studentische Protest war überwiegend gewaltfrei, zumindest was Gewalt gegen Personen anging. Andererseits wäre die RAF, wie der Bonner Politologe Gerd Langguth betont, ohne die Studentenbewegung tatsächlich nicht vorstellbar. Alle wichtigen Vertreter der ersten Generation der Linksterroristen seien aus dem bis 1970 bestehenden Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) oder dessen Umfeld gekommen. Der SDS spielte in der APO, die sich als Reaktion auf die in Bonn seit 1966 regierende Große Koalition gebildet hatte, eine Schlüsselrolle. Hauptarena war die Freie Universität Berlin und später die Straße.

Mitte der 1960er Jahre zieht West-Berlin in Massen junge westdeutsche Männer an, die nicht zur Bundeswehr wollen, und Ältere, die von der „Subventionskultur“ in der Frontstadt des Kalten Krieges profitieren möchten. Auch fast alle RAF-Aktivisten der ersten Stunde sind Zugereiste. Die Einheimischen begegnen dem politisierten akademischen Nachwuchs skeptisch bis ablehnend und sehen in ihnen, angestachelt durch Springers „Bild“ und „BZ“, „langhaarige Tagediebe“. Für die meisten West-Berliner ist es zu dieser Zeit selbstverständlich, fest zur US-amerikanischen Schutzmacht zu stehen, was immer deren Soldaten auch im fernen Vietnam anrichten. Der gegen die USA gerichtete Studentenprotest wird überwiegend verurteilt. Sogar Willy Brandt (SPD), Regierender Bürgermeister von 1957 bis 1966, empört sich über die „Besudelung“ der deutsch-amerikanischen Freundschaft.

Der SDS, ursprünglich auf hochschulpolitische Themen abonniert, hat längst die ganze Palette aktueller Probleme auf seiner Agenda. In den von Union und SPD im Bundestag verabschiedeten Notstandsgesetzen sieht man Parallelen zu Hitlers Ermächtigungsgesetz und Anzeichen eines „neuen Faschismus“. Der Kampf gilt inzwischen der parlamentarischen Demokratie, in der man die „aufgepappte Fassade eines autoritären Systems“ erblickt.

Zur entscheidenden Radikalisierung der Bewegung kommt es nach den tödlichen Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 am Rande studentischer Proteste gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien in West-Berlin. Die völlig überforderte und im Umgang mit Demonstranten noch weitgehend unerfahrene Polizei geht mit äußerster Härte gegen Teilnehmer eines Protestzuges vor und knüppelt in einer Seitenstraße auch den 26 Jahre alten Romanistikstudenten Ohnesorg nieder. Kurz darauf wird er – angeblich in Notwehr – von einem Beamten in Zivil erschossen, während das persische Herrscherpaar in der nahen Deutschen Oper der „Zauberflöte“ lauscht.

Wischen Sie sich hier durch die Galerie der Baader/Meinhof-Bande

Eine Woche später wird Ohnesorgs Leichnam in einem riesigen Konvoi über die Interzonen-Autobahn von West-Berlin durch die DDR in seine Heimatstadt Hannover übergeführt. Ohne Kontrollen und Transitgebühr lässt die DDR 200 Autos passieren, die Trauerflor tragen und in denen 800 Studenten sitzen. Eine Eskorte der Volkspolizei fährt voraus. Entlang der Strecke stehen Abordnungen der SED-Jugendorganisation FDJ und senken ihre blauen Fahnen.

Für viele, vor allem junge Leute, die dem westdeutschen Staat mit seinen gesellschaftlichen Verkrustungen und seiner nicht aufgearbeiteten NS-Vergangenheit distanziert gegenüberstehen, ist der 2. Juni 1967 Erweckungserlebnis und Zeitenwende. Mit Ohnesorgs Tod setzt eine Spirale von Gewalt ein, aus der auch die RAF entsteht.

Bis zu ihrer Selbstauflösung 1998 wird die Terrorgruppe mindestens 34 Menschen ermorden, unter ihnen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, die Bankiers Jürgen Ponto und Alfred Herrhausen. Es kommen aber auch Chauffeure, Personenschützer, Polizisten und US-Soldaten ums Leben – und Zufallsopfer wie eine Frau in Zürich, die 1979 nach einem Banküberfall der RAF von einer Kugel getroffen wird und stirbt.

Lade mehr

  Kommentare ( 1 )

Kommentar verfassen