geschrieben von Tim Stinauer

Die Entführung von Hanns Martin Schleyer
Eine Rekonstruktion der Ereignisse des 5. September 1977 im Kölner Stadtwald

Die Entführung von Hanns Martin Schleyer von Tim Stinauer

1 Das Fluchtfahrzeug

Kurz bevor die beiden Autos mit Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und seinem Fahrer sowie drei Personenschützern in die Vincenz-Statz-Straße in Köln-Braunsfeld einbiegen, parken die RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock und Sieglinde Hofmann einen weißen VW Bulli, das spätere Fluchtfahrzeug, an der Ecke zur Friedrich-Schmidt-Straße.

Sie laden einen Kinderwagen aus, in dem die Waffen versteckt sind. Boock, der auch an der Ermordung von Bankier Jürgen Ponto im Juli 1977 beteiligt war, kam 1998 aus der Haft frei. Er hat sich von der RAF losgesagt und lebt heute als freier Autor.

2 Der Kinderwagen – Waffenversteck und Straßensperre

17.28 Uhr: Kaum sind Schleyer und sein Gefolge auf der Friedrich-Schmidt-Straße in Sichtweite, soll Sieglinde Hofmann gerufen haben: „Es geht los!“ Sie schiebt den Kinderwagen ein Stück weiter bis zu der Höhe, wo ihre Komplizen Stefan Wisniewski und Willy Peter Stoll mit einem Mercedes in einer Einfahrt stehen. Als Schleyers Chauffeur die Stelle passieren will, setzt der Mercedes plötzlich rückwärts auf die Straße. Der Chauffeur muss scharf bremsen. Nach links ausweichen kann er nicht, dort steht der Kinderwagen auf der Fahrbahn. Das Begleitfahrzeug mit den Polizisten kracht dem Schleyer-Mercedes ins Heck. Die Terroristen eröffnen sofort das Feuer.

Nach einigen Sekunden und Dutzenden Schüssen tritt eine kurze Feuerpause ein. Zwei der drei Personenschützer schießen zurück, treffen aber niemanden. Dann feuern die Terroristen weiter, wie von Sinnen. Aus Richtung des VW Bulli kommt Boock hinzugerannt. Willy Peter Stoll springt auf die Motorhaube des Begleitfahrzeugs, mitten in Boocks Schusslinie. Er zielt auf die Personenschützer und schießt ein ganzes Magazin leer. Zwei Täter zerren Schleyer in den VW Bulli. Zu viert flüchten sie mit dem Manager in eine Tiefgarage am Wiener Weg in Junkersdorf. Dort wechseln sie das Fahrzeug und bringen Schleyer in ein Versteck in Erftstadt. Hofmann wurde 1980 verhaftet und 1999 aus der Haft entlassen. Heute führt die 72-Jährige ein unauffälliges Leben als Rentnerin.

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3 Die Personenschützer des LKA Baden-Württemberg

Polizeihauptmeister Reinhold Brändle (41) sitzt am Steuer des weißen Mercedes 280 E, der dem Wagen von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer folgt. Brändle, Vater eines Sohnes, sollte in Köln demnächst einen Außenposten der Personenschützer-Einheit für Schleyer aufbauen, damit die Beamten nicht immer von Stuttgart nach Köln pendeln müssen. Bei der Obduktion zählen Rechtsmediziner 60 Einschüsse in seinem Körper.

Polizeimeister Roland Pieler sitzt hinten rechts auf der Rückbank. Er war gerade einmal 20 Jahre alt, als ein Vorgesetzter ihn fragte, ob er als einer von Schleyers Leibwächtern eingesetzt werden wollte. Pieler soll sich nicht getraut haben, Nein zu sagen. Als die Terroristen zu schießen beginnen, öffnet Pieler die rechte hintere Tür und verlässt das Auto. Er schießt dreimal zurück, bevor er tödlich getroffen zusammenbricht.

Polizeihauptwachtmeister Helmut Ulmer (24) sitzt auf dem Beifahrersitz. Zwei Wochen vor dem Attentat hatte er seinen Chef um eine Versetzung gebeten. Ulmer wollte nie zum Personenschutz, er wollte zurück auf sein Revier nach Stuttgart-Zuffenhausen. Der Chef versprach ihm, ihn zu entbinden, sobald ein Nachfolger ausgebildet wäre. Auch Ulmer schießt noch zurück. Er wird 26-mal getroffen, zwei Schüsse sind tödlich.

4 Der Präsident und sein Kölner Fahrer

Hanns Martin Schleyer war von 1973 bis 1977 deutscher Arbeitgeberpräsident und wurde kurz vor seiner Entführung auch Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Er galt als potenzielles Anschlagsziel der RAF, nicht zuletzt wegen seiner Vergangenheit als Funktionär im Nationalsozialismus. Er übersteht die Schießerei im Fond des Wagens unverletzt. Die Entführer erschießen ihn nach 44 Tagen Geiselhaft am 18. Oktober 1977 im Grenzgebiet von Frankreich zu Belgien.

Chauffeur Heinz Marcisz ist ebenso wie Schleyer unbewaffnet. Die beiden Männer sind sehr vertraut miteinander. Marcisz weiß auch um die Gefahr, in der er als persönlicher Fahrer des mächtigen Wirtschaftsbosses schwebt. Seine Familie und Freunde drängen ihn immer wieder, den Job zu wechseln. Aber er wehrt ab: „Ich fahre Herrn Schleyer seit sechs Jahren, habe ihn vorher gefahren und werde ihn auch weiterhin fahren. Es wird schon nichts passieren.“ Der 41-Jährige war angestellt bei Daimler Benz, Schleyer saß dort im Vorstand. Die Täter erschießen Heinz Marcisz hinter dem Lenkrad. Ihn treffen fünf Geschosse in die linke Körperhälfte. Marcisz hinterlässt eine Tochter (14) und einen Sohn (18) sowie seine Ehefrau, die zwei Jahre nach ihm stirbt. „Meine Mutter konnte seinen Tod nie überwinden“, sagt die Tochter Ute T. heute.

5 Die Terroristen im Blockadefahrzeug

Willy Peter Stoll ist einige Monate vor dem Schleyer-Attentat in den Untergrund gegangen. Ein paar Wochen vor der Entführung in Braunsfeld soll er am Überfall auf ein Waffengeschäft in Frankfurt beteiligt gewesen sein, der angeblich Teil der Vorbereitungen für die Schleyer-Entführung war. Ein Jahr nach der Entführung erkennen Zeugen Stoll in einem Lokal in Düsseldorf. Sie rufen die Polizei, die ihn erschießt, nachdem er eine Waffe zog.

Stefan Wisniewski wird sieben Monate nach dem Mord an Schleyer auf dem Pariser Flughafen gefasst. Er wollte mit einem gefälschten Pass nach Zagreb fliegen. 1981 wird Wisniewski zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und 1999 auf Bewährung entlassen.

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